Dieser Blog ist ein Plädoyer für unbezahlte Zeit.

Bevor mir der Sturm ins Gesicht weht: Ja, es ist mir bewusst. Das ist der Blog einer Privilegierten, die über Privilegierte schreibt. Allerdings über die, die sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen, obwohl sie genau das tun, was sie wollen. Einer der Gründe, warum ich davon erzähle, ist, wie oft ich dieses Paradox beobachte.

Das Privileg, von dem ich rede, ist Zeit für Kinder.

Das Paradox entsteht, wenn Eltern sich bewusst für mehr Erziehungszeit entscheiden und sich dann selbst dafür geißeln, dass sie sich öfter ihren Kindern widmen als ihrem Chef.

Uffz.

Wie kommt es zu diesen widersprüchlichen Gefühlen, und wie können wir ihnen begegnen?

„Was wir erklären müssen, ist das, was unsere Zeit vor anderen auszeichnet. Daß die Menschen ihre Liebesbeziehungen und die Fürsorge für ihre Kinder opfern, um ihre Karriere zu verfolgen, ist nicht das wirklich Eigentümliche. So etwas hat es vielleicht immer schon gegeben. Das Ausschlaggebende ist, daß sich heute viele Menschen dazu aufgefordert fühlen, daß sie meinen, sie müßten so handeln, und daß sie spüren, ihr Leben wäre irgendwie vergeudet oder unerfüllt, wenn sie nicht so verfah­ren würden.“ 

– Charles Taylor, Das Unbehagen an der Moderne

Ich arbeite halbtags. Ich kann meine Nachmittage mit meiner Tochter verbringen. Wenn sie von der Schule kommt, bin ich da. Es gibt etliche Eltern, denen das verwehrt bleibt, obwohl sie da sein wollen. Ihnen entlockt es nur ein müdes Lächeln, wenn Eltern, die sich keine existenziellen Sorgen machen müssen und freier als sie über ihre Zeit entscheiden können, in Identitätskrisen geraten. Wie lange will ich arbeiten, und wie viel Zeit nehme ich mir für unsere Kinder? Das klingt für sie wie ein Luxusproblem. Doch das ist es für die betroffenen Eltern nicht. Das Problem ist viel größer, und es geht alle an.

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Denn die subjektive Freiheit – wie frei wir uns als Mutter oder Vater tatsächlich fühlen, die Familie der Arbeit überzuordnen – ist in der Lebenswirklichkeit derjenigen, die dank hinreichender Unterstützung für die Erziehung freigestellt sind, verschwindend gering.

An ihnen nagt das schlechte Gewissen. Das bedrückende Gefühl, nicht genug zu leisten.

Jeder, der Kinder erzieht, weiß, dass das absoluter Unfug ist, weiß, wie viel es erfordert, von früh bis spät für einen kleinen Menschen, für den man Verantwortung trägt, ansprechbar zu sein – und erwischt sich trotzdem dabei. Weil wir, wenn wir von der Gesellschaft, in der wir leben, keine Anerkennung für das erhalten, was wir tun, dieses Tun komplett in Zweifel ziehen. Uns in Zweifel ziehen. Ohne gesellschaftliche Anerkennung ungerührt dem zu folgen, was wir für richtig halten, gelingt nur den Hartgesottensten von uns. Wir sind soziale Wesen, die von der Anerkennung unserer Mitmenschen abhängig sind. Wie uns andere begegnen, konstituiert unser Selbstbild. Unsere Selbstachtung. Und wenn uns niemand bestätigt, dass wir etwas Nützliches tun, hilft vielleicht das Gehalt, das wir beziehen, um uns in Ordnung zu fühlen. Mit seiner Höhe steigt auch unser Ansehen. Das ist das Credo in unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft.

Wo bleiben Eltern in dieser Rechnung?

Das, was sie tun, tun sie ohne Bezahlung, und sie befinden sich entsprechend auch weit unten im gesellschaftlichen Ranking. Sie tun es ja schließlich freiwillig – manche sogar so gern, dass sie es gar nicht wagen, in Anbetracht dieser Missachtung Klage zu erheben. Sie tun es für sich; niemand braucht ihr Kind, die Erde ist überbevölkert. Muss es ihnen da nicht genügen, wenn ihr Kind sie anlacht und für jede Mühe, jede Entbehrung entschädigt? Nein, muss es nicht. Kann es nicht. Weil Anerkennung sich nur dann positiv auf unser Selbstwertgefühl auswirkt, wenn wir sie von denjenigen bekommen, mit denen wir uns auf Augenhöhe sehen. Unsere Kinder sind von uns abhängig. Sie brauchen uns und lieben uns bedingungslos; sie können gar nicht anders, solange sie ohne uns schutzlos sind. Das ist der Grund, warum das so nicht funktioniert. Und obschon es stimmt, dass im 21. Jahrhundert in Deutschland keine Frau mehr für das Vaterland ein Kind gebärt, bedeutet das nicht, dass sie ihr Kind nur für sich selbst erzieht. Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein, Respekt vor der Natur – jeder Mensch, der erzogen wurde, wirkt über sein Elternhaus hinaus.

Wenn Eltern mit ihren Kindern philosophieren, investieren sie in unsere Zukunft. 

Philosophieren mit Kindern

„Philosophie, wie ich sie verstehe, ist der Versuch, begriffliches Licht in wichtige Erfahrungen des menschlichen Lebens zu bringen.“ 

Peter Bieri, Eine Art zu leben

Die schulische Ausbildung hat das Ziel, unsere Kinder für den Arbeitsmarkt und den Wettbewerb fit zu machen. Dem Philosophieren, dem freien Nachdenken über uns Menschen, unsere Gesellschaft oder das Leben an sich wird in den Schulen heute leider noch wenig Raum gewährt. Dort lernen die, die sich noch wundern können, die all das noch in sich tragen, was Erwachsenen in ihrem Alltagstrott entgleitet, dass das, was sie denken und sagen, entweder „falsch“ oder „richtig“ ist. Dass das Wissen wichtig ist, nicht das Fragen.

Indem wir mit unseren Kindern philosophieren, lernen wir alle zuzuhören, ohne zu urteilen. Wir ermöglichen unseren Kindern, sich selbst, ihre Gedanken zu erfahren und ihre Ideen auszudrücken, ohne die Angst, sich zu blamieren. Dadurch erst werden sie frei, selbstständig über Probleme nachzudenken und dabei andere Perspektiven miteinzubeziehen, sie abzuwägen und sich eine eigene Haltung zuzutrauen. All das sind Kompetenzen, die auf dem Weg zu einem selbstbewussten Erwachsenen so ungemein wichtig sind und doch so häufig vernachlässigt werden.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unsere Kinder in ihrer Entwicklung als Mensch zu unterstützen. Nicht zu einer humanen Wirtschaftsressource.

„Es muss ein Ziel geben, das wir um seiner selbst willen erstreben. Sonst wird unser Handeln, mit wie viel Absicht es auch immer verfolgt wird, keinen echten Sinn besitzen. Es kann uns nie ernsthaft zufrieden stellen, weil es immer unbeendet bleiben wird, wenn alles, worauf unser Handeln zielt, stets vorläufig und vorbereitend sein wird.“

– Harry G. Frankfurt, Gründe der Liebe

Wir brauchen gelassene Eltern, die sich ihrer Aufgaben und ihrer Bedeutung bewusst sind und die laut sagen, dass sie auch in der Zeit, die ihnen nicht bezahlt wird, etwas Sinnvolles bewirken.

Dazu brauchen wir eine Gesellschaft, die die Leistung von Eltern für unsere Gemeinschaft wertschätzt.

Und das nicht nur dann, wenn diese Leistung an eine Ideologie gekettet ist. Oder wenn sie wirtschaftlichen Zwecken dient. Sondern dann, wenn die einzige Vorgabe, der sie folgt, die ist, keinen stumpfen Egoisten zu erziehen, sondern einen Menschen, der sich akzeptiert und gehört fühlt und selbstbestimmt seinen Weg geht, ohne dabei über eine Leiche zu steigen. Der reflektiert, sich hinterfragt, für das einsteht, an das er glaubt, und zugeben kann, wenn er irrt.

Ich ziehe n i c h t in Zweifel, dass das auch Eltern gelingen kann, die Vollzeit arbeiten. Ganz und gar nicht. Über den schwierigen Spagat zwischen Familie und Beruf wird zu Recht viel diskutiert. Weniger hingegen über das, was ich hier thematisiere, nämlich die Identitätskrise von Eltern, die überwiegend ihre Kinder betreuen und sich deshalb als Bürger zweiter Klasse fühlen.

Darum ist dieser Raum hier vor allem für Mütter gedacht, die „nur Hausfrau“ sind und es leid sind, so definiert zu werden.

Ebenso für die, die Kinder großziehen und sich parallel schämen, dass sie „nur“ Sprechstundenhilfe oder Bürokraft oder ______ sind.

Er ist für Väter gedacht, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und sich nicht andauernd dafür rechtfertigen wollen.

Und er ist für Eltern wie mich, die mit einem Uni-Abschluss „nur“ Teilzeit arbeiten und es nicht mehr hören können, dass sie damit unter ihren Möglichkeiten bleiben.

Lasst uns über unsere Möglichkeiten als Eltern nachdenken.

Wir schreiben März, 2018. Ich wünsche mir, dass dieser Blog interaktiv wird und von euren Beiträgen lebt. Auf die Plätze, fertig, los: Was treibt euch in eurer Rolle als Erziehende/r um? Hat euer Kind euch eine philosophische Frage gestellt? Hat es eine Antwort für sich gefunden? Was sagen unsere eigenen Milchzahnphilosophen dazu? Und was können wir Erwachsenen daraus lernen?

Zuhören. Wahrnehmen. Benennen. Hinterfragen – ohne zu werten.

Seht die Welt durch die Augen eurer Kinder, und ihr werdet merken, wie wenig euch bewusst war.

Philosophieren mit Kindern

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